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Bild: Großer Ludovisischer Schlachtsarkophag. Foto: CR.

Corpus der Antiken Sarkophagreliefs: Die Schlachtsarkophage (ASR I, 1)
Dokumente eines Mentalitätswandels in einer veränderten geopolitischen Situation?

Im Rahmen des Corpus der Antiken Sarkophagreliefs (ASR), einem langfristigen und der Grundlagenforschung verpflichteten Unternehmen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), sollen die gesamten stadtrömischen Schlachtsarkophage wissenschaftlich bearbeitet und vorgelegt werden. Dies beinhaltet neben einem Katalog mit umfassender Bilddokumentation die historische Verortung, die kunsthistorisch/bildwissenschaftliche Auswertung sowie die kulturhistorische Interpretation der Schlachtsarkophage. Dabei sind die Schlachtsarkophage wie keine andere Sarkophaggruppe geeignet, das Spannungsverhältnis von Kunst und Gesellschaft zu beleuchten und die Wechselwirkung von äußeren Einflüssen und Gestaltungformen zu überprüfen. Im Ergebnis werden die Entwicklung kaiserzeitlicher Bildsprache und Stilgeschichte in einer Zeit politischer Umbrüche (150-220 n. Chr.) geklärt und sichere Datierungsgrundlagen geschaffen. Die Zuordnung zur militärischen Elite Roms komplettiert das Tableau der Vita-Humana-Sarkophage und zeigt, wie in normativen Bildern soziale Funktion und ethischer Anspruch dargestellt und geltende Wertvorstellungen abgebildet werden. Darüber hinaus werden Entwicklung und Modi bildlicher Kommunikation im 2. und 3. Jh. transparent gemacht. Mit der Publikation der Schlachtsarkophage (ASR I, 1) wird der gesamte erste Teil des Sarkophag-Corpus (ASR I, 1-4), der den Sarkophagen mit Darstellungen aus dem Menschenleben (vita humana) gilt, vollständig vorliegen und ein zentraler stadtrömischer Themenkomplex abgeschlossen sein: eine unverzichtbare Grundlage für weiterführende Forschung.

Nicht ohne Grund führen die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben das Corpus der Antiken Sarkophagreliefs als erster Teil (ASR I) an. Wegen der „bürgerlichen“ Bildthemen, der narrativen Bildstruktur und der überdurchschnittlichen Zuordnungsmöglichkeiten zu bestimmten sozialen Gruppen spiegeln sie mehr als alle anderen Sarkophaggruppen herrschende Wertvorstellungen der römischen Gesellschaft und Identifikationsmuster bestimmter sozialer Gruppen wider. So bilden sie die Konstanz bzw. Verschiebung propagierter Ideale wie auch den sozialen Wandel der Führungseliten ab. Ebenso aussagekräftig sind sie als bildwissenschaftliche und mediale Zeugnisse. Der Einsatz und der Einfluss von kaiserlichen und mythologisch/griechischen Ikonographien erlauben hier mehr als bei anderen Sarkophagen Einblicke in die Entwicklung und das Funktionieren von Bildsprachen sowie den bildlichen Diskurs am Grab. Dieses Potential der Gattung, das in der jüngeren Forschung zu Sarkophagen vielfach thematisiert wird, liegt für die Schlachtsarkophage weitgehend brach, da eine umfassende systematische Vorlage dieser Sarkophaggruppe bislang fehlt.

Die Schlachtsarkophage finden Verwendung fast ausschließlich in der Zeit der ersten massiven militärischen Erschütterungen des Imperium Romanum unter den Kaisern von Marc Aurel bis Septimius Severus und der Veränderung der militärischen Führungsschicht, mit der das Reich auf diese Herausforderungen reagiert. Es wird immer wieder angenommen, dass die Schlachtsarkophage diese Umstände reflektieren und bildlich kommunizieren. Anders als die attischen oder kleinasiatischen Sarkophage mit Schlachtbildern entwickeln die stadtrömischen eine Ikonographie 'bürgerlich' realistischer Schlachtdarstellungen von Römern gegen Barbaren – eine Historisierung von Mythenbildern, die Parallelen in anderen Gruppen von Vita-Humana-Sarkophagen hat. Zeitgleich setzt auch die Individualisierung der Sarkophagdarstellungen durch die Ausarbeitung von Porträts ein. Und nicht nur die Themen sind neu, auch die Bildsprache und der Stil verändern sich. Der unbestreitbar zu konstatierende „spätantoninische Stilwandel“ (Rodenwaldt), der die gesamte römische Kunstproduktion der Zeit erfasst, lässt sich an keiner anderen Gattung in so dichter Folge an Monumenten fassen, die überdies auch inhaltlich, und wohl ihren Auftraggebern nach, auf die zeitgeschichtlichen Veränderungen zu reagieren scheinen. Doch lässt sich der Stilwandel so unmittelbar mit gesellschaftlichen Veränderungen und einem Mentalitätswandel erklären? Kann es sein, dass die neuen künstlerischen Formen die Erschütterungen und das Krisenbewusstsein aufgrund einer außenpolitischen, in der Wahrnehmung der Epoche geopolitischen, Herausforderung widerspiegeln? Diese geläufige und auf Anhieb tatsächlich naheliegende These gilt es kritisch zu hinterfragen. Dazu ist insbesondere die Medialität der spezifischen bildlichen Kommunikation durch die Schlachtsarkophage richtig zu verstehen und in Inhalten und Formen zu interpretieren.

Die Aufarbeitung der Schlachtsarkophage, die als letzte Gruppe der stadtrömischen Sarkophage mit nicht-mythologischen/lebensweltlichen Bildthemen noch nicht im Corpus der Antiken Sarkophagreliefs (ASR) vorgelegt worden sind, ist ein zentrales Desiderat archäologischer Grundlagenforschung. Die Schlachtsarkophage waren bislang noch nie Gegenstand einer umfassenden Untersuchung, lediglich die typologische Herkunft ihrer Bildmotive wurde in einer Monographie (B. Andreae, Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen [1956]) auf dem damaligen Kenntnisstand behandelt. Dessen ungeachtet gelten sie seit langem als wesentliche Bildzeugnisse eines Mentalitätswandels in der römischen Gesellschaft und besonders ihrer Oberschichten, ausgelöst durch die neuartigen Bedrohungen der Stabilität der römischen Herrschaft in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Diese wirkmächtige These (prägend bis heute: G. Rodenwaldt, Über den Stilwandel in der antoninischen Kunst [1935]) harrt jedoch einer überprüfung, die sich wirklich auf eine solide Materialgrundlage stützen könnte. Die wenigen substantiell weiterführenden Studien zu den Schlachtsarkophagen (zu nennen besonders: Th. Schäfer, Zum Schlachtsarkophag Borghese, MEFRA 91,1979, 355-382; St. Faust, Schlachtenbilder der römischen Kaiserzeit [2012] hier S. 177-212) können dies nicht leisten, zeigen aber das Potential der Gattung, zur Beantwortung nicht nur kunstgeschichtlicher, sondern auch gesellschaftsgeschichtlicher Fragen entscheidend beizutragen. Auf dieses Potential wirft auch die intensive und fruchtbare Diskussion ein Licht, die in der jüngeren Forschung um bereits (oder neu) gut dokumentierte, andere Gruppen von Bildsarkophagen geführt wird (u.a.: P. Zanker - B. Ewald, Mit Mythen leben [2004]; S. Muth, Im Angesicht des Todes, in: A. Haltenhoff u.a. [Hg.], Römische Werte als Gegenstand der Altertumswissenschaft [2005] 259-286; C. Reinsberg, Vita Romana, ASR I 3 [2006]). Für die fundierte Klärung der in der Forschung aufgeworfenen, z.T. innovativen Einzelfragen ist jedoch die sorgfältige Vorlage der gesamten Gattung Voraussetzung.


Projektleiterin: Prof. Dr. Carola Reinsberg, Mitglied in der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und im Beirat für das Corpus der Antiken Sarkophagreliefs (ASR) am DAI

Bearbeiter: Dr. Arne Thomsen

Das Projekt wird ermöglicht durch eine Sachbeihilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).


Fotos dieser Seite: C. Reinsberg; A. Thomsen

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